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Die Duftopathen

Die Duftopathen

vor 24 Stunden
3 Min. Lesezeit

Die Duftopathen – eine neue Spezies?

Über jene, die die Welt nicht sehen, sondern riechen.



Es gibt Menschen, die hören genauer hin, Menschen, die Farben intensiver wahrnehmen, Zwischentöne erkennen und Dinge bemerken, die anderen dem normalen Auge verborgen bleiben. Und dann gibt es eine Gruppe von Menschen, deren Welt sich auf eine ganz andere Weise erschließt: über den Geruchssinn. Man nennt sie – zumindest könnte man sie künftig so nennen – Duftopathen.


“Der Begriff ist eine augenzwinkernde Wortschöpfung, angelehnt an Bezeichnungen wie Psychopath oder Soziopath. “ - Dima


Doch hinter der ironischen Namensgebung verbirgt sich ein durchaus ernst zu nehmendes Charakterbild.


Der Duftopath ist nicht einfach ein Mensch, der gerne Parfüm trägt oder sich für angenehme Gerüche begeistert. Vielmehr beschreibt er eine Persönlichkeit, deren Verhältnis zur olfaktorischen Welt eine beinahe obsessive Intensität angenommen hat. Während andere einen Duft wahrnehmen und ihn vielleicht als angenehm, unangenehm oder vertraut einordnen, beginnt für den Duftopath erst an diesem Punkt die eigentliche Arbeit. Er analysiert, differenziert, vergleicht und zerlegt das Wahrgenommene gedanklich in seine einzelnen Bestandteile. Eine flüchtige Duftspur kann ihn minutenlang beschäftigen. Eine unscheinbare Nuance vermag Erinnerungen hervorzurufen, die längst vergessen schienen. Der Duftopath besitzt eine ausgeprägte Sensibilität für olfaktorische Feinheiten. Er erkennt Veränderungen, Übergänge und Nuancen, die anderen Menschen verborgen bleiben. Für ihn ist ein Duft niemals nur ein Duft. Er ist eine Komposition, eine Geschichte, eine Stimmung und manchmal sogar eine Form der Kommunikation. Seine Wahrnehmung ist seine Leidenschaft – und gelegentlich auch seine Bürde. Charakteristisch für den Duftopathen ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit. Er betritt einen Raum und nimmt zunächst dessen olfaktorische Atmosphäre wahr. Er registriert das Holz der Möbel, die Frische eines geöffneten Fensters, den Geruch eines alten Buches oder die kaum wahrnehmbare Spur eines Parfüms, das Stunden zuvor getragen wurde. Dabei ist er häufig ein stiller Beobachter. Er muss nicht im Mittelpunkt stehen. Vielmehr interessiert ihn das Verborgene, das Flüchtige und das schwer Beschreibbare. Er besitzt eine ausgeprägte Neigung zur Analyse und entwickelt mitunter eine geradezu wissenschaftliche Beziehung zu Duftstoffen, Rohmaterialien und aromatischen Verbindungen. Nicht selten führt er kleine Duftproben mit sich, dokumentiert seine Entdeckungen und stellt Vergleiche an. Er kann sich stundenlang mit einer einzigen Essenz beschäftigen, ihre Entwicklung verfolgen und versuchen, ihre Herkunft und Zusammensetzung zu entschlüsseln. Doch der Duftopath ist nicht ausschließlich ein analytischer Geist. Hinter seiner bisweilen akribischen Vorgehensweise verbirgt sich eine ausgeprägte emotionale Empfänglichkeit. Gerüche können ihn unmittelbar berühren. Sie können ihn in andere Zeiten versetzen, Menschen zurückbringen oder Orte lebendig werden lassen, die er längst verlassen hat. Für ihn besitzt die Erinnerung eine olfaktorische Dimension. Während andere Fotografien betrachten, um sich an vergangene Momente zu erinnern, genügt dem Duftopathen mitunter eine einzige Duftnote um eine ganze Lebenssituation wieder vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen. Seine Begeisterung kann allerdings auch zu einer gewissen Unnachgiebigkeit führen. Er entwickelt hohe Ansprüche, ist kritisch gegenüber Beliebigkeit und verliert schnell das Interesse an austauschbaren Duftkreationen. Was für andere lediglich ein angenehmer Duft ist, muss für ihn eine erkennbare Handschrift, eine Idee und eine olfaktorische Identität besitzen. Manchmal wirkt er deshalb eigenwillig, vielleicht sogar etwas entrückt. Er unterbricht Gespräche, um eine interessante Duftspur zu verfolgen, oder betrachtet eine gewöhnliche Alltagssituation aus einer Perspektive, die seinen Mitmenschen zunächst befremdlich erscheint. Wenn jemand sagt: ‘Das riecht gut’, fragt er möglicherweise: ’Aber was genau riechst du? ’ Denn genau darin liegt sein Wesen. Er gibt sich nicht mit dem ersten Eindruck zufrieden. Ob diese besondere Menschensorte tatsächlich eine Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte darstellt oder lediglich eine bislang wenig beachtete Facette menschlicher Wahrnehmung beschreibt, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass die zunehmende Beschäftigung mit individueller Parfümerie, seltenen Rohstoffen, historischen Essenzen und der Kunst der Duftkomposition ein Umfeld geschaffen hat, in dem sich solche Persönlichkeiten besonders entfalten können. Vielleicht ist der Duftopath deshalb weniger eine neue Spezies als vielmehr eine neue Bezeichnung für eine alte Leidenschaft, die inzwischen eine eigene Identität entwickelt hat. Und möglicherweise wird man eines Tages feststellen, dass es unter den Menschen tatsächlich zwei unterschiedliche Arten gibt, die Welt wahrzunehmen: jene, die sie betrachten, und jene, die sie zunächst einmal einatmen. Und wenn man ihn fragt, weshalb er sich so intensiv mit Düften beschäftigt, wird er vielleicht nur lächeln und antworten: ‘Andere sammeln Eindrücke. Ich sammle das Unsichtbare.’ Anmerkung der Redaktion: Der Begriff ‘Duftopath’ ist eine humorvolle, neu geschaffene Bezeichnung und keine medizinische Diagnose.


Dima @ Duftologie.

 
 
 

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